Der Cantautore Pippo Pollina verließ Palermo 1985 – zu einer Zeit, in der Sizilien von Korruption und wirtschaftlichen Schwierigkeiten geprägt war. Kurz zuvor war Giuseppe Fava ermordet worden, Mafiaforscher und Chefredakteur der Zeitschrift I Siciliani, für die Pollina kurze Zeit journalistisch tätig gewesen war. Der ehemalige Straßenmusiker lebt heute in Zürich und tritt europaweit vor Tausenden Zuschauern auf. Seine poetischen Lieder spiegeln wider, was in seinem Herzen ist, und behandeln Themen wie Liebe, Leben, Sehnsucht sowie gesellschaftliche und politische Motive (siehe auch Rezension seines neuen Albums hier).
Tiefer ins Palermo der Nachkriegszeit taucht man ein mit der Ikone der sizilianischen Folkmusik, Rosa Balistreri (1927–1990, siehe auch den Artikel über italienische Liedkunst hier). Diese kleine Frau mit rauer Stimme und Gitarre, die sich traditionellen Erwartungen widersetzte, inspirierte mehrere sizilianische Sängerinnen. Etta Scollo hat aus Balistreris Repertoire ein Juwel geschaffen: Unter dem Titel Canta Ro’ – Omaggio A Rosa Balistreri erschien 2005 ein Doppel-Livealbum, das auf Sizilien in Begleitung des Orchestra Sinfonica Siciliana aufgenommen worden war. Damals lebte Scollo schon in Deutschland, zuerst in Hamburg, dann in Berlin. Anfang der Achtziger hatte sie Sizilien verlassen, war nach Österreich gegangen und hatte am Wiener Konservatorium Gesang studiert. Ihre emotionale Interpretation von Balistreris „I Pirati A Palermu“ macht das Lied zu einer Sehnsuchtshymne. Bei Scollo ist der für Sizilien typische, emotional aufgeladene Gesang mit teils heiserer Stimme zu hören. Das sizilianische Lamentu (Klagelied) erinnert an Taarab und Mawwal aus dem arabischen Raum. Neben Pferden und Zitrusfrüchten hinterließ die arabische Besetzung (9. bis 11. Jahrhundert) einen enormen kulturellen Einfluss auf die Insel. Arabisch-sizilianische Poesie interpretierte Scollo 2008 auf dem Album Il Fiore Splendente.
Darüber hinaus lässt Emanuela Lodato gemeinsam mit der tunesischen Sängerin Ghalia Benali in dem traditionellen Lied „Aò A Figghia Mia Riposi Un Puocu“ auf dem Album Pandora E Cumpagnia von 2017 zwei Welten zusammentreffen: Lodato auf Sizilianisch, Benali auf Arabisch. Lodato stammt aus der arabisch-normannisch geprägten Region Caltanissetta. Im belgischen Brüssel, wo sie heute lebt, interpretiert sie mit ihrem musikalischen Projekt Nisia – im Trio mit Vincent Noiret und Jonathan De Neck – sizilianische, kalabrische und kampanische Musik, auf Tonträger zuletzt 2022 mit dem Album Li Pedi. Ein neues Werk ist in Arbeit.
Kat Pfeiffer








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